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Murks querbeet

Murksgeschichten

DBDDHKP

DBDDHKP - oder ich wünschte, Einstein hätte sich geirrt

Angeblich hatte Albert Einstein sich nicht nur zur Unendlichkeit des Universums, sondern auch zur Unendlichkeit der menschlichen Dummheit geäußert. Beim Universum soll er sich nicht ganz sicher gewesen sein.

Vielleicht ist dies der Ursprung von "DBDDHKP". Das haben wir uns als Kinder immer entgegengebrüllt, wenn wir der Meinung waren, es mit einem völlig verblödeten Spielkameraden zu tun zu haben.

Was die Abkürzung bedeutet, wissen heutzutage nur noch ein paar alte Säcke und solche alten Schachteln wie ich.

Meine mehrere Jahre jüngere Freundin M. hat die Bedeutung allerdings fast geknackt – sehr zum Amüsement ihrer Familie, wie sie mir berichtete.

Auch wenn ich mir wünschte, Einstein hätte sich geirrt, begegnen mir doch immer wieder Situationen, in denen ich darüber hinaus wünschte, jemand würde eine Pille gegen Dummheit und Ignoranz erfinden.

So rammte mich neulich im Bus eine Frau mit ihrer Handtasche an der Schulter und ein Mann parkte seinen Ellbogen auf meinem Kopf. Beides geschah innerhalb weniger Minuten und keiner der beiden schien etwas davon mitbekommen zu haben.

In der S-Bahn gerate ich auch immer wieder in die eigenartigsten Situationen. Als ich einen freien Sitzplatz ansteuerte, bekam ich von einer Frau zu hören, dies wäre ihr Platz und es würden noch ihre zwei Freundinnen kommen, die auch dort sitzen wollen. Ich solle gefälligst woanders hin gehen.

Vielleicht sollte die S-Bahn demnächst dazu übergehen Platzkarten zu verkaufen. Da es dort sowieso schon zugeht wie im Theater, würde das sogar passen.

Ich schaffte es, meinem guten Vorsatz für dieses Jahr – nämlich

mich nicht über jeden Sch... aufzuregen – treu zu bleiben.

 

Mal sehen, wie lange ich das noch durchhalte. Corona

macht´s mir nämlich nicht leicht.

Ob die Leute, die das Klopapier hamstern, es essen? Oder hat

meine Kollegin C. recht, die die Vermutung äußerte, das Virus

würde das Gehirn befallen und für geistigen Dünnschiss sorgen,

deshalb gäbe es in den Geschäften keines mehr?

Wie dem auch sei – ein bisschen habe ich noch davon.

Vielleicht sollte ich es gewinnbringend verkaufen und

anschließend einen langen Urlaub machen.

Eventuell auf dem Mond. Da soll es um diese Zeit ja sehr schön sein.

Und Klopapier brauche ich in meinem Raumanzug auch nicht.

Klopapier
Wer braucht denn schon Alexa

Wer braucht denn schon Alexa

                                          Es ist noch gar nicht so lange her, da fiel

                                                             spätabends der Strom aus. Ich saß gerade

                                                             am PC und sah meine E-Mails durch, als

                                                             plötzlich alles außer meinem Monitor in

                                                             absoluter Schwärze versank.

                                                             Da mein Mann und ich Taschenlampen

                                                             besitzen - solche wo eine kleine Kurbel dran

                                                             ist, mit der der Strom erzeugt wird - kamen

                                                             wir ganz gut zurecht.

                                                             Irgendwann in der Nacht war der Strom

                                                             wieder da und ich schoss aus dem Schlaf

                                                             hoch, weil überall das Licht anging. Während

                                                             ich schlaftrunken herumstolperte und es

                                                             wieder ausknipste, dachte ich darüber nach,

                                                             wie gut es doch ist, dass wir kein Smart-Home

haben. Da braucht es ja nicht mal einen Stromausfall, um sich auszusperren.

Mein Mann erzählte mir unlängst von einem Video, dass er gesehen hatte, und in dem

jemand vergeblich versuchte, Einlass in sein Haus zu finden. Das schlaue Häuschen war auf die Stimme des Bewohners programmiert. Der jedoch war zuvor beim Zahnarzt gewesen,

hatte eine dicke Backe und eine dementsprechend undeutliche Aussprache. Er stand in

strömendem Regen vor der Tür und versuchte, sein Domizil zu überzeugen, selbige zu öffnen.

Er erreichte aber nur, dass das Licht an und ausging, dass sich die Rollläden in Bewegung

setzten und dergleichen mehr. Wie mag da wohl der Schlüsseldienst der Zukunft aussehen?

Auf der anderen Seite frage ich mich manchmal, wie wir eigentlich ohne Smartphone zurecht

gekommen sind. Wie haben wir uns verabredet? Wie haben wir Informationen gesammelt

oder uns ausgetauscht?

Irgendwie gab es immer jemanden, der jemanden kannte, der die Antwort auf die Frage

hatte, die uns gerade umtrieb. Zum Beispiel, ob die Schale vom Kürbis essbar ist oder nicht.

Heute bemühen wir das Internet und kommunizieren über WhatsApp. Das ist ja ganz

praktisch. Ich bin auch ich froh, dass ich meine Geschichten nicht mit der Schreibmaschine

tippen muss.

Wenn ich aber sehe, wie sich in der S-Bahn zwei Leute, die sich offenbar gut kennen

gegenüber sitzen, auf ihre Smartphones starren und per WhatsApp miteinander

kommunizieren, ohne sich auch nur einmal direkt ins Gesicht zu sehen, kann ich mich nur

noch wundern.

In meiner ersten eigenen Wohnung hatte ich sogar noch ein Festnetztelefon mit Wählscheibe!

Und an der Kellertreppe waren Lichtschalter aus Bakelit angebracht, die laut geknackt haben,

wenn sie gedreht wurden, um das Licht  ein- oder auszuschalten. Irgendwann wird nur noch

Onkel Google wissen, was es damit auf sich hatte.

Jetzt übernehmen die Smombies. Mein Mann musste mir übrigens erklären, was das ist – ein

Smombie. Ich hatte das Wort noch nie gehört. Allerdings habe ich kurz darauf einen gesehen,

der auf sein Gerät glotzend, im Dunkeln die Straße überquerte, stolperte und beinahe der

Länge nach hinschlug. Wahrscheinlich hat seine Taschenlampen-App versagt.

Da bin ich doch lieber altmodisch mit ´ner richtigen Taschenlampe unterwegs.

Schreibmaschine
Carpe diem

Carpe diem - oder heute ist ein guter Tag zum Schreiben

                                   

In den Action-Filmen, die ich ab und zu gerne gucke, haben die Helden der Story immer

obercoole Sprüche drauf. Das ist so realitätsfern, dass ich nur lachen kann.

Ein Satz gefällt mir besonders gut: "Heute ist ein guter Tag zum Sterben". Das ist sooo ein

Klischee - und genau genommen auch überhaupt nicht komisch.

Aber, irgendwie verbinde ich trotzdem mit diesem vielzitierten Ausspruch etwas Positives. So

in der Richtung, dass heute ein guter Tag ist, um genau das zu tun, was nötig ist, worauf Du

Lust hast oder was gerade passt, weil es regnet.

Carpe diem. Nutze den Tag für was auch immer gerade Dein Thema ist. Hauptsache ist, Du

gehst voll in Deiner Tätigkeit auf und lässt Dich nicht ablenken. Der Tag ist nun mal so, wie er

ist. Nimm ihn hin. Akzeptiere ihn und mach´ das Beste daraus, das Dir möglich ist. Der heutige

Tag wird sich nicht wiederholen. Jede Minute, die verstreicht lässt den gegenwärtigen

Augenblick schon Vergangenheit werden.

Wow, ich wusste gar nicht, wieviel Philosophie in einem einzigen Satz aus einem B-Movie

untergebracht werden kann.

Da lege ich doch gleich mal los, oder um genau zu sein, mache ich gleich mal weiter.

Heute habe ich nämlich schon meinen persönlichen Rekord gebrochen. Notizen für mehrere

Murksgeschichten habe ich mir, im Garten in der Sonne sitzend, schon gemacht und einige

davon bereits ausgearbeitet. Und das alles innerhalb von wenigen Stunden! Wenn dass nicht

Carpe diem ist, dann weiß ich auch nicht ...

Die Sonne ist hinter einer dicken grauen Wolke verschwunden. In der Ferne höre ich es

donnern und die ersten Regentropfen fallen auf meinen Murks-Läppi.

Ich bin zwar wasserdicht, die Elektronik aber nicht.

Jetzt aber schnell alles eingeräumt und nach drinnen getürmt.

Dort sitze ich am Fenster und freue mich über den Regen.

Toll! Es regnet und das bedeutet, mein Mann steht nicht mit

dem Gartenschlauch in irgendeinem Beet rum, sondern kann

mir einen weiteren Kaffee servieren und – noch besser - sich

meine neuen Murksgeschichten anhören.

Noch mehr Carpe diem oder in modern: YOLO!

Yipieh-ya-yeah, Schweinebacke!

Hoffentlich regnet es heute noch lange, dann können wir

nach dem Essen einen Action-Film gucken.

BOOM
Jetzt gehen sogar schon die Kühe auf die Straße

Jetzt gehen sogar schon die Kühe auf die Straße

                                   

                                            Mein erster Gedanke als ich die Kühe auf

                                                                der Straße sah war: wo kommen die denn

                                                                her? Der zweite: ist das eine Demo?

                                                                Angebracht wäre das. Bisher gehen ja nur

                                                                wir Zweibeiner auf die Straße um gegen

                                                                Massentierhaltung, übermäßigen

                                                                Fleischkonsum, artgerechte Haltung usw.

                                                                zu demonstrieren. Natürlich war es keine

                                                                Demo - schade eigentlich. Die Rindviecher

                                                                waren einfach durch einen defekten Zaun

                                                                von ihrer Weide getürmt um... ja, um was

                                                                zu tun? Wahrscheinlich sind sie einfach

                                                                dem Herdentrieb gefolgt; etwas, was wir

                                                                ja leider auch viel zu oft tun, und sind der

                                                                ersten Kuh, die den ersten Schritt nach

                                                                draußen gemacht hat einfach hinterher

                                                                gelatscht.

Trotzdem stelle ich mir gerne vor, sie wollten einfach mal etwas anderes sehen, als das

ewige Grün, die Zweibeiner in ihren Autos ärgern, indem sie die Straße blockieren,

demonstrieren oder einfach mal so spazieren gehen.

Ich habe eben eine blühende Fantasie ... Das ist auch der Grund, warum ich trotz allem, was

wir diesen Tieren  so abverlangen (Milch geben) und antun (aufessen) manchmal wünschte,

ich wäre eine Kuh. Die Weiden in Brandenburg sind  schön groß und grün – da fände ich es

nett, ab und zu auch dort stehen, liegen oder umher latschen zu dürfen.

Die Rindviecher sehen immer so verdammt  entspannt aus, als hätten sie permanent

Feierabend. Natürlich haben sie auch Stress (zum Beispiel wenn es ans Schlachten geht), aber

seien wir mal ehrlich: wenn wir uns aus weltanschaulichen, moralischen oder sonstigen

Gründen – vielleicht, weil es uns einfach mal nicht schmeckt - vegetarisch oder vegan

ernähren: wir Menschen sind evolutionär betrachtet "Allesesser".

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir alles essen sollten – ich denke da an Billigwurst oder

zentnerweise Rindfleisch aus Südamerika.

Für mich bedeutet der sorgsame Umgang mit den Ressourcen (dazu gehören auch Kühe und

anderes Getier), wenn ich denn schon mal Fleisch esse, dann muss es von einem Tier

stammen, das sein Leben artgerecht und nicht eingesperrt, gequält oder hochgezüchtet

verbracht hat.

Kühe auf der Landstraße
Das sind doch nur Richtlinien

Das sind doch nur Richtlinien

                                

Wie ich ja bereits an anderer Stelle erwähnte, lässt sich meiner Meinung nach über

Geschmack schlecht streiten. Ich finde in Bezug auf´s Essen gibt es nur zwei mögliche

Alternativen – entweder es schmeckt, oder es schmeckt nicht.

Daher habe ich auch kein Problem, wenn die eine oder andere Zutat gerade nicht erhältlich

ist. Sei es weil sie ausverkauft ist oder regional gerade keine Saison hat. Dann weiche ich

entweder auf ein anderes Gericht aus oder auf eine oder mehrere andere Zutaten.

Wenn ich in der Küche stehe gibt es kein richtig oder falsch. Es wird gemurkst, was das Zeug

hält. Und wenn ich die Einzige bin, der das Ergebnis schmeckt, ist es mir auch wurscht.

Wichtig ist für mich nur, dass meine Murksereien – bis auf wenige Ausnahmen -

alltagstauglich sind. Daher finde ich auch die sogenannte "Crossover-Küche" so interessant.

Hier ist auch erlaubt, was gefällt.

Spannend finde ich es auch, wenn bewährte Klassiker neu interpretiert werden. Wenn Euch

aber die Klassiker so schmecken, wie sie bereits seit Ur-Ur-Ur-Omas Zeiten zubereitet werden,

ist das auch kein Grund zur Besorgnis. Bloß weil etwas neu ist, muss das ja nicht bedeuten,

dass es zwangsläufig auch besser ist. Ich finde es nur doof, sich geradezu krampfhaft an

                                                              irgendwelche Vorgaben zu klammern.

                                                              Das ist mir zu langweilig und auch wenn

                                                              das jetzt politisch nicht korrekt ist, ich finde

                                                              das kann jeder dressierte Affe. Doof finde

                                                              ich auch die "perfekt ausgewogenen"

                                                              Gewürzmischungen berühmter Köche, die es

                                                              fast überall zu kaufen gibt. Damit will ich

                                                              nicht sagen, dass man von denen nichts

                                                              lernen kann, im Gegenteil. Aber es gibt ihn

                                                              nicht, den perfekten Geschmack. Das wäre

                                                              ja schlimm. Dann würden ja alle Menschen

                                                              morgens, mittags und abends überall auf

                                                              der Welt das Gleiche essen. Für mich eine

                                                              geradezu gruselige Vorstellung ...

                                                              Wenn Ihr also etwas nicht mögt, dann lasst

                                                              es einfach weg oder tauscht es gegen

                                                              etwas anderes aus.

Ein schönes Beispiel lieferte mir vor noch gar nicht so langer Zeit mein Lieblingsneffe.

Während ich zu denen gehöre, die Brokkoli mögen, verabscheut er ihn und  findet, der

würde wie ein Baum auf seinem Teller aussehen.

Ich mag nicht nur Brokkoli, ich mag auch Bäume. Aber ich möchte doch sehr bezweifeln,

dass es mir gefallen würde, einen auf meinem Teller vorzufinden.

Baum auf Teller
Doofe Tomaten

Doofe Tomaten

                                 

Mein Mann überbrachte mir vor einiger Zeit den Wunsch einer Arbeitskollegin nach einem Rezept für "Tomatensuppe" *. Nichts leichter als das – dachte ich, und machte mich ans Werk.

In einem alten Kochbuch aus den 1950er Jahren wurde ich fündig und fand, dass dies eine

gute Gelegenheit wäre, das Klassiker-Kapitel zu erweitern.

Mein Mann und ich gehen also einkaufen und bringen einen ordentlichen Schwung Tomaten

nach Hause.

Ich lege los und fange bereits während der Vorbereitungen an, mich zu wundern. Ist das ein

Schreibfehler im Rezept? So viel Wasser? Mmmh ... Ich mache weiter und steuere sehenden

Auges auf die Katastrophe zu. Diese Suppe ist ungenießbar. Wässrig, geschmackslos und rot

ist sie auch nicht. Ich bin mir nicht im Klaren, ob es am Rezept liegt – hat man das damals

so gegessen? – oder ob die Tomaten schuld sind. Ich habe die Tomaten in Verdacht und

meine mich zu erinnern, dass die in meiner Kindheit irgendwie aromatischer und vor allem

richtig rot waren. Was ist heutzutage bloß mit den Tomaten los? Die verdienen den Namen

gar nicht. Sind die so genmanipuliert selbstverteidigend und gleichgeschaltet, dass im

Genpool kein Platz mehr ist für Geschmack? Verklagen sollte man die Dinger! Da koche ich

mal nach Anleitung und dann geht es dermaßen in die Hose ...

Also, zurück auf Start oder - weil ich die Suppe nicht wegkippen will - retten, was zu retten

ist. Ich verdreifache also die Menge an Zucker und haue noch etwas mehr Butter und jede

Menge Tomatenmark in den Topf. Der Cholesterinspiegel lässt grüßen!

Im Froster finde ich noch ein paar Kräuter, die ich geerntet und eingefroren habe.

Die kommen auch noch mit rein. Meinem Mann schmeckt das

Ergebnis. Ich finde es genießbar, bin aber enttäuscht

und verärgert. Und wie das bei mir so ist, wenn ich

mich ärgere: ich wandle die Ärger-Energie in

Kreativität um und kreiere meine eigene

Tomatensuppe. Das macht sowieso mehr Spaß!

Immerhin habe ich aus diesem Desaster

einiges gelernt:

• Ich weiß jetzt, wie Croutons gemacht werden.

• Ich habe wieder etwas, worüber ich schreiben

  kann.

• Ich erkenne, wie wenig ich über Tomaten weiß.

• Ich denke darüber nach, selbst welche anzubauen.

• Ich habe die Chance wieder etwas Neues zu murksen

  – Jippieh!

 

Tomaten
Wollrausch und Maschenwahn

Wollrausch und Maschenwahn

                           Ob die pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen oder der

                                        Umstand, dass es in dem alten Gemäuer, in dem ich arbeite,

                                        im Winter so kalt ist oder beides oder gar nichts davon der

                                        Auslöser waren? Ich weiß es nicht.

                                        Tatsache ist jedenfalls, dass in meinem Kopf der Wunsch nach

                                                       einer warmen roten Strickjacke keimte. Gefunden

                                                       habe ich bloß keine, die mir gefiel. Entweder sahen

                                                       sie mir zu bieder aus oder sie gefielen mir, es gab

                                                       sie aber nicht in rot. Und ich meine wirklich richtig

                                                       rot. So ein Feuermelderrot, bei dem mir schon

                                                       beim Angucken warm wird.

Mein Freund B. - das ist der, der findet, dass mein selbstgebackenes Brot wie gekauft aussieht

– hat einmal festgestellt, ich sei eine Frau der Tat. Damit hat er Recht. Weil ich keine Jacke

finden konnte, die mir gefiel, habe ich selbst eine entworfen, jede Menge Papier mit Skizzen

und Berechnungen vollgekritzelt, Wolle gekauft und losgelegt. Erfreut stellte ich fest: ich kann

es noch. Stricken ist offenbar wie Fahrradfahren – das verlernt man ja auch nicht.

Nach vielen Jahren der Abstinenz bin ich von einem Tag auf den anderen dem Maschenwahn

verfallen und befinde mich im Wollrausch. Da kann ich sogar der Pandemie noch etwas

Positives abgewinnen und den Nachteil in einen Vorteil verwandeln, indem ich die Zeit nutze,

in der ich mich nicht mit Freundinnen, Freunden und Familie treffen kann - ich kann ja nicht

endlos telefonieren.

So habe ich ein altes Hobby neu entdeckt, bin auf meine Strickarbeit fokussiert und denke

nicht an Corona. Als netter Nebeneffekt entspannen sich meine verkrampften Muskeln und

sogar eine muskuläre Blockade im Rücken löste sich nach wenigen Tagen mit lautem

Knacken. Vielleicht sollte ich die Kaufquittung meiner knallroten Wolle bei der Krankenkasse

einreichen – ein chiropraktischer Eingriff wäre bestimmt teurer gewesen.

Natürlich läuft nicht alles glatt. Da ich so lange abstinent war, geht auch so Einiges schief und

ich musste bereits Gestricktes wieder aufribbeln und neuanfangen. Aber ich bleibe positiv

eingestellt und halte es mit Roosevelt, der gesagt hat, dass du daran glauben musst, dass du

es kann und schon hättest du es halb geschafft. Entweder hat der Mann nie gestrickt oder er

war darin einfach besser als ich.

Jedenfalls werde ich dafür sorgen, dass der kleine Handarbeitsladen bei mir im Ort

– wenn er hoffentlich den Lockdown überlebt – mächtig gewaltig Umsatz machen wird.

​​

So, jetzt muss ich aber weiterstricken, sonst ist der Winter vorbei, bevor meine „Decke zum

Rumlaufen“ fertig ist.

 

Illustration unter Verwendung einer Grafik von Clker-Free-Vector-Images/Pixabay                               

Wollknäuel
Der mediterrane Eisbär

Der mediterrane Eisbär

Auch wenn es gerade schneit wie bestellt, die Klimaerwärmung ist allgegenwärtig.

Sie begegnet uns nicht nur in den Medien, wo von schmelzenden Polkappen berichtet wird

und welche Auswirkungen das auf die Lebensräume und Lebensbedingungen der Eisbären hat.

Die werden dann schon mal zu Einbrechern, die in Häuser eindringen und den Bewohnern den

                                                 Kühlschrank ausräumen. Es wäre fast zum Lachen, wenn

                                                 es nicht so traurig wäre. Wenn das so weitergeht,

                                                 werden die Polarbären, wie sie auch mancherorts

                                                 genannt werden, aussterben.

                                                 Bereits jetzt gibt es Vermischungen mit den auf dem

                                                 Festland lebenden Grizzlybären. Die Nachkommen von

                                                 Eis- oder Polarbär und Grizzly heißen Pizzly – im Ernst.

                                                 Mein Mann brachte irgendwann einmal dieses Wort

                                                 "Pizzly" nach Hause und fragte mich, ob ich wüsste, was

                                                 das ist. Für mich klang das nach dem Namen eines

                                                 neuen  Schokoriegels und ich musste erst einmal

                                                 schmunzeln. Als mein Mann mir dann aber erläuterte,

                                                 was es damit auf sich hat, ist mir das Schmunzeln

                                                 vergangen.

Persönlich hätte ich zwar nichts dagegen, wenn es im Winter nicht mehr so sch... kalt wäre,

aber irgendwie wäre es doch schade um die Eisbären.

Um den Schnee eigentlich auch. Wenn ich nicht unbedingt raus muss, sondern ihn mir aus

sicherer Entfernung vom Fenster aus angucken kann, finde ich Schnee sehr schön. Vor allem,

wenn die Sonne drauf scheint und er so hübsch glitzert. Außerdem gäb´s ohne Schnee keine

Schneeballschlachten und keine Schneemänner ...

Bevor übrigens das Thema Gender populär wurde, hat mein Vater bereits für die

Gleichbehandlung des Schnees gesorgt. Er war der Meinung, wenn es Schneemänner gibt,

muss es auch Schneefrauen geben und baute eine riesige Schneemadam mit einem gewaltigen

Busen, damit auch ja keine Zweifel aufkommen, worum es sich handelt. Das würde ich gern

wiederholen. Und sei es nur, um zu sehen, was meine Nachbarn für ein Gesicht machen.

So wie sich das Klima in letzter Zeit verändert hat, werde ich, um eine Schneefrau bauen zu

können, die die Bezeichnung auch verdient, Urlaub auf Spitzbergen machen müssen.

Der aktuelle Schnee reicht dafür nicht. Da muss ich mir ja noch den Schnee vom Nachbarn

holen, damit meine Schneefrau überhaupt über den Gartenzaun gucken kann. Also doch

Spitzbergen? Mein Mann war schon dort und hat mir davon berichtet.

Von seiner Reise brachte er mir Porzellanschalen mit, auf deren Boden ein Eisbär abgebildet ist.

Ich verwende sie gerne um mediterrane Gerichte zu servieren, weil ich finde, dass die mit

ihrem schmalen blauen Rand irgendwie... ja, irgendwie mediterran aussehen.

Irgendwann wird es Eisbären nur noch im Zoo und auf dem Grund dieser Schalen geben.

Allerdings werden dann im Winter bestimmt keine Erdbeeren mehr aus Marokko, Weintrauben

aus Indien und Lauchzwiebeln aus Ägypten importiert werden.

Dann werden auch Bananen und Ananas bei uns regional sein und alles ist wieder gut.

Eisbär
Stampede

Stampede - oder wenn die Ideen mit mir durchgehen

Wir hören Schallplatten, mein Mann und ich.

Gerade dreht sich "Neil Young - Live at Massey Hall 1971" auf dem Plattenteller.

Gegen Ende des Konzertmittschnitts ist ein begeistertes Publikum zu hören. Es wird geklatscht

und getrampelt. Hört sich an wie eine Stampede. Mein Mann und ich haben den gleichen

Gedanken.

Zum Glück kennen wir das Geräusch nur aus Filmen. Western gucken wir beide gerne.

Ein Glück für mich, denn so war es relativ einfach, meinen Mann zu überzeugen, uns die alte

Westernserie "Rawhide" oder "Tausend Meilen Staub", wie sie bei uns heißt, auf DVD zuzulegen

und an langen Winterabenden anzuschauen. An einem solcher Abende hatte ich so etwas wie

ein déja vu. Ich kann mich nicht erinnern, die Serie angeschaut zu haben, als sie erstmals im

deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, und die Wiederholung habe ich irgendwie verpasst.

Aber: Ich erinnere mich an den Charakter des Kochs des Viehtriebs - Wishbone - und an den

Küchenplanwagen mit der ausklappbaren Arbeitsfläche!

Vielleicht hat meine Mutter mich vor dem Fernseher

abgelegt als die Serie lief und ich habe unbewusst

etwas davon mitbekommen. Bis zur ersten Szene mit

dem Planwagen und dem Koch war ich jedenfalls

felsenfest davon überzeugt, noch nie eine einzige

Folge gesehen zu haben. Offenbar hatte ich mich geirrt.

Als dann in einer Folge der Serie Wishbone sein Leid

darüber klagt, immer das Gleiche zubereiten zu

müssen und wie langweilig dies sei, so dass er sich

immer neue fantasievolle Namen für´s Essen

ausdenken müsse und irgendwann die Worte "Knöpfe"

und "Prärie-Erdbeeren" als Synonyme für Bohnen

fielen, war es um mich geschehen. Ich war fest

entschlossen eine kulinarische Hommage an das

Westerngenre generell und insbesondere an

"Rawhide", zu murksen.

Nachdem ich bereits den Titel für mein Rezept

im Kopf hatte, entstand einige Wochen später

"Falsche Kuh mit Prärie-Erdbeeren" *.

Wie ich also diese "Stampede" auf der LP mit dem

Konzertmitschnitt höre, kommt folgende Assoziationskette

in Gang: Stampede -> Westernfilme -> Rawhide -> Planwagen -> Wishbone, der Koch -> meine

Rezeptidee -> meine kleine Plüschkuh -> Foto von der Kuh mit Erdbeeren im märkischem Sand

-> Rezeptfoto gibt´s schon -> schade, kein Platzhalter erforderlich -> also benötige ich kein Foto

-> ich will aber trotzdem eins haben -> Grund genug für einen Ausflug mit meinem Mann zum

Foto-Shot -> die Geschichte schreiben, wie mir die Idee für´s Rezept gekommen ist, damit das

Foto seine Daseinsberechtigung hat -> YEP!!

                                                  

Plüschkuh mit Erdbeeren
Das Ungeheuer aus dem Kompost

Das Ungeheuer aus dem Kompost

Eines Abends klingelte mein Telefon. Mein Vater war dran und fragte mich, ob ich in letzter

Zeit Fleischtomaten gegessen hätte. Einigermaßen verwundert sagte ich: Jaaa!? Dann ist ja

alles klar, meinte er. Jetzt war ich komplett verwirrt, aber da mein Vater sich unbedingt

mitteilen wollte, musste ich gar nicht nachfragen. Die Erklärung kam prompt. Aus seiner

offenen Kompostmiete würden seitlich Fleischtomatenpflanzen herausragen, sagte er.

Das kam ihm komisch vor, weil er die nicht mochte und sie daher nicht von ihm sein konnten.

Da er wusste, dass ich meinen Bio-"Müll" einmal wöchentlich mit dem Fahrrad in seinen

Schrebergarten transportierte, war ich seine erste und einzige Verdächtige. Er hatte gern alles

im Griff  und unter Kontrolle, deshalb sein Anruf. Er telefonierte nämlich äußerst ungern.

Die geheimnisvollen Tomaten müssen ihn wirklich beschäftigt haben.

Inzwischen habe ich meinen eigenen Garten und meine eigenen Komposter. Das sind so grüne Kunststoffkisten mit Deckel zum aufklappen, sogenannte Thermokomposter.Die sind toll.

Einer wird immer befüllt, während im zweiten meine kleinen dicken Gartenhelfer in Ruhe vor

sich hin arbeiten können. Im ersten geht ab und zu mal das Licht an, wenn ich etwas

hineinwerfe. Aber das halten meine kleinen Helfer aus ohne gleich zu türmen. Allerdings wäre

ich einmal fast getürmt, als ich den Komposter aufklappte und sich mir die grünlich-weißen

Tentakeln des Kompost-Ungeheuers entgegenstreckten.

Die Furcht vor dem Unbekannten ist etwas archaisches, das offenbar noch aus Zeiten stammt,

als wir noch in Höhlen hausten und es im Dunkeln aufgrund nachtaktiver Raubtiere so richtig

gefährlich war.

Ich machte also unwillkürlich einen Schritt zurück und mein erster Gedanke war: Da wohnt

                                                                  ein Ungeheuer in meinem Kompost.

                                                                  Mein zweiter Gedanke war: Das hat da

                                                                  nichts zu suchen, ich werde es vertreiben.

                                                                  Und erst danach dachte ich: So ein

                                                                  Quatsch!

                                                                  Es befand sich schon etwas Lebendiges

                                                                  dort drinnen und es sah schon

                                                                  "alienmäßig" aus, aber ich schrecke ja

                                                                  nicht mal vor dem großen Tigerschnegel

                                                                  zurück. Der ist übrigens auch ein

                                                                  nachtaktives Raubtier, mit den Nackt-

                                                                  schnecken verwandt, macht er Jagd auf

                                                                  sie und kann schon ganz schön dick und

                                                                  lang werden. Vor dem hatte ich mich

                                                                  aber nicht erschreckt. Auch nicht vor den

                                                                  Blindschleichen, die ich geradezu

                                                                  liebgewonnen habe.

                                                                  Es war etwas anderes und ebenfalls völlig

harmloses, nämlich der Austrieb einiger überlagerter Kartoffeln.

Und dafür diese Aufregung ...

Als ich neulich meinen - aufgrund der Klimaerwärmung inzwischen winteraktiven -

Regenwürmern wieder etwas Kaffeesatz spendieren wollte, grinste mich erneut ein

tentakelbewehrtes Ungeheuer an. Dieses war giftgrün ... Ach, dachte ich, das wird dann wohl

die gammelige Zwiebel sein.

Zwiebelaustrieb
Hang ´em high

Hang ´em high - oder wie Newton mir beim backen hilft

                                        Von meinem Mann habe ich gelernt, dass kochen

                                                          und backen so einiges mit Physik  und Chemie

                                                          zu tun haben.

                                                          Daher habe ich mir den alten Newton, oder

                                                          genauer gesagt, die von ihm so wunderbar

                                                          beschriebene Schwerkraft beim Brotbacken zu

                                                          Hilfe geholt.

                                                          Newton soll ja einen Apfel beobachtet haben,

                                                          der vom Baum fiel und somit das Gesetz der

                                                          Schwerkraft entdeckt haben.

                                                          Also habe ich mir gedacht, was mit einem Apfel

                                                          funktioniert, klappt mit einem schweren Brotteig

                                                          erst recht.

                                                          Da ich keine Brotbackmaschine besitze, ich wüsste

                                                          gar nicht, wo ich die in meiner kleinen Küche

                                                          hinstellen sollte, knete ich meinen Teig erst einmal

mit dem Knethaken meiner Küchenmaschine und dann mit den Händen.

Das Formen der kleinen Bärlauchbrote ist simpel. Da teile ich den großen Teigklumpen mit einem Messer in vier ungefähr gleich große (oder kleine) Teile und bringe sie in Form - rund oder länglich - wie ich gerade so drauf bin. Trotzdem sieht jedes, auch wenn ich sie gleich geformt habe, anders aus, wenn sie aus dem Ofen kommen. Die machen dort einfach, was sie wollen. Ob das nun Chemie oder Physik ist, ist mir ziemlich wurscht – ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn ich das Ergebnis sehe.

Ein großes Brot zu formen ist im Vergleich dazu jedoch ein ganz anderes Kaliber. Rund ist noch

relativ einfach, wenn ich es aber länglich und schmal haben will, damit am Ende die Scheiben

nicht größer sind als die Stiefel meines Mannes, setztsich der Teig zur Wehr. Er wird an den

Enden schmal, in der Mitte dick und zieht sich unerklärlicherweise immer wieder zusammen.

​Als ich wieder einmal mit einem richtig schweren Teig mit einem hohen Anteil an Roggenvoll-

kornmehl rang und den Kampf zu verlieren drohte, ärgerte ich mich, nicht etwas mehr

Dinkelmehl untergemischt zu haben. Das macht aus dem Brotteig nämlich ein "knuffiges Kissen".

Weil der Teig nun aber so war, wie er war, kamen Newton und das Gesetz der Schwerkraft zum

Einsatz. Ich habe den Teig hochgehoben und etwas "aushängen" lassen, damit er sich in die

Länge zieht. Dann habe ich ihn umgekehrt noch einmal "hochgehängt", damit er noch länger

wird. Jetzt musste ich ihn nur noch etwas hin und her rollen, um ihm den letzten Schliff zu geben.

Was soll ich sagen? – Newton, ich danke Dir.

Illustration unter Verwendung einer Grafik von: Efen Guy/Shutterstock

Newton
Die Doppelgänger aus Pankow

Die Doppelgänger aus Pankow

Da soll mir doch mal jemand erzählen, so ein Bürojob wäre langweilig. Dem zeige ich ganz

ungeniert einen Vogel.

Ich erhalte eine E-Mail mit einer sehr langen Namensliste im Anhang und denke: Da stimmt

etwas nicht. Das sind viel zu viele Namen, die da drauf stehen. Ich greife zum Telefon. Meine

Gesprächspartnerin Frau J. stimmt mir zu. Da läuft etwas nicht ganz rund. Da wir noch andere,

dringlichere Aufgaben zu erledigen haben, verabreden wir uns zu einem Telefonat am

Nachmittag.

Das Problem lässt mir jedoch keine Ruhe und ich fange an zu ermitteln, komme mir vor wie

das Klischee eines Detektivs, der mit der Lupe auf der Suche nach Informationen ist und

versucht, sie zu einem stimmigen Ganzen zusammenzusetzen. Das ist nicht so einfach, weil

ständig mein Telefon klingelt und irgendjemand etwas von mir will.

Schließlich sehe ich die Telefonnummer von Frau J. im Display. Gesehen haben wir uns noch

nie, kennen uns nur vom Telefon. Ich habe recherchiert, begrüße ich sie.

Recherchieren ist immer gut, erwidert sie. Ja, sage ich, Wissen ist Macht. Ich erläutere ihr, was

ich herausgefunden habe und sie steuert ihre Informationen bei. Die Kuh bekommen wir schon

vom Eis, sagt Frau J. als ich mir im Laufe des Gesprächs einen saftigen Fluch nicht verkneifen

kann. Na klar, erwidere ich, das schaffen wir, die Frage ist nur, wie lange wir dafür brauchen.

Mit detektivischem Spürsinn werten wir die vorliegenden Daten und Informationen aus.

Nebenbei tauschen wir uns noch über den geballten Irrsinn aus, mit dem wir in unsren Jobs

tagtäglich zu tun haben. Zwei Mal muss sie unser Gespräch wegen eines Notfalls bei ihr vor

Ort unterbrechen. Dabei wäre es heute noch ruhig, sagt sie. Ich bin beeindruckt. Frau J., der

Fels in der Brandung.

Zielorientiert, pragmatisch und gewürzt mit politisch nicht immer korrekten Bemerkungen

meinerseits sind wir dem Fehler auf der Spur. Ich finde das jetzt richtig gut, wirft Frau J. ein.

Wir müssen uns unbedingt mal treffen, ich will Ihnen einen Kaffee spendieren. Dann spendiere

ich Ihnen ein Eis dazu, sage ich. So machen wir das, kommt die prompte Erwiderung.

Wir wenden uns wieder der Problemlösung zu und kommen schließlich unabhängig

voneinander auf das gleiche Ergebnis.

Nachdem wir die Doppelgänger aus Pankow, wie Frau J. sie nennt gefunden haben, stimmen

unsere Zahlen.

Super, alles passt, freut sie sich. Jetzt gibt´s von mir

noch das Sahnehäubchen auf´s Eis.

Na, dann muss ich ja ´ne Kirsche oben drauf setzen,

erwidere ich, so erleichtert bin ich, dass das vermeintliche

Problem gar keines ist, sondern wir es nur mit doppelten

Einträgen und Vormerkungen zu tun haben, die wir

rausrechnen können.

Schließlich stehen unsere Zahlen für echte Menschen.

Jetzt folgt die nächste Recherche.

Schließlich habe ich Frau J. versprochen, nach einem

kleinen gemütlichen Eiscafé Ausschau zu halten,

wo wir uns - abseits unserer Jobs - gegenseitig

unter die Lupe nehmen können.                                    

 

​ 

Illustration unter Verwendung von Grafiken von: Schmidsi/Pixabay umd Clker-Free-Vector-Images/Pixabay

Eis unter der Lupe
Kamele in der Mikrowelle

Kamele in der Mikrowelle

An meinem Arbeitsplatz steht eine Mikrowelle. Dort mache ich mir ab und an etwas zum

Mittagessen warm. Zu Hause habe ich so ein Gerät nicht. Irgendwie ist es mir trotz allem

suspekt, etwas zu essen, was mithilfe elektromagnetischer Wellen zubereitet wird.

Das verdränge ich aber, wenn mich in der Mittagspause der Hunger packt.

Letztens habe ich ein Fertiggericht aus dem Kühlregal in der Mikrowelle rotieren lassen.

Ich hatte das bereits einmal probiert und fand es ziemlich lecker dafür, dass es sich um

"Fertigfutter" handelt. Aufgrund der mit der Zubereitung einhergehenden Geruchsentwicklung

fragte ich zuvor meine Kollegin, ob es sie stören würde. Sie guckte irritiert und fragte, was ich

denn mit Kamelen in der Mikrowelle vorhabe.

Habe ich etwas genuschelt? Natürlich habe ich keine Kamele heiß machen wollen, sondern

ein Gericht mit Garnelen in Mango-Sauce. Allerdings hat mich die Verwunderung meiner

Kollegin auf eine Idee gebracht. Nicht dass ich beabsichtige, bizarre Verhörer zu sammeln wie

Axel Hacke. Obwohl sein umstrittener „Wumbaba“ schon für einige Erheiterung bei meinem

Mann und mir gesorgt hat. Auch habe ich nicht vor, zu probieren, wie Kamelfleisch schmeckt.

Ich bin zwar hemmungslos neugierig, aber Kamele essen? Nee, lieber nicht. Da muss ich passen,

die haben so schöne lange Wimpern. Gekräuselte, wie ich bei meinen Recherchen

herausgefunden habe. Ich esse ja auch keine Elefanten! Aber habe ich mir gedacht, es gibt

bestimmt Orte auf der Welt, wo Kamele auf der Speisekarte stehen. Schließlich gibt es ja auch

Känguru, Straußensteaks und Alligator in einschlägigen Restaurants.  Ich wollte wissen, wo und

wie Kamele zubereitet werden – rein theoretisch natürlich. Ich kann es nämlich nicht leiden,

wenn mir ein Gedanke zu einem Thema in den Kopf kommt und ich feststellen muss, dass ich

darüber so gut wie gar nichts weiß. Also habe ich im Internet recherchiert und erstaunliche

Sachen über Kamele gelernt.

So haben sie nicht nur diese beneidenswerten Wimpern, sondern sozusagen eine eingebaute

                                                                   Klimaanlage.

                                                                   Sie können Ihre Körpertemperatur erhöhen,

                                                                   um weniger oder gar nicht zu schwitzen.

                                                                   Die Viecher können sogar Salzwasser

                                                                   trinken, ohne dass es ihnen schadet.

                                                                   Überhaupt ist das genial, wie die mit

                                                                   Wasser umgehen. Innerhalb von 15 bis 30

                                                                   Minuten können Kamele 200 Liter in sich

                                                                   rein schlürfen und damit einen ganzen

                                                                   Monat auskommen.

                                                                   Mit uns gemeinsam haben sie, dass sie

                                                                   ganz gerne ihre Füße darin baden.

                                                                   Ist doch irgendwie sympathisch, so ein

                                                                   Kamel.

                                                                   Trotzdem, in den arabischen Emiraten

                                                                   werden sie gegessen. Australien züchtet

                                                                   sie und exportiert ihr Fleisch, das sehr

                                                                   fettarm und eiweißreich, also sehr gesund

                                                                   sein soll.

                                                                   Auch wir könnten es online zu uns nach

                                                                   Hause bestellen.

Nee, ich glaube, tief im Inneren bin ich eine Nomadin, die ihr Kamel erst dann schlachten

würde, wenn es alt und krank und nicht mehr zu retten ist.

 

Illustration unter Verwendung von Grafiken von: EK_Song/Pixabay, Clker-Free-Vector-Images/Pixabay und 13Smok/Pixabay

Kamele in der Mikrowelle
Der Kürbis

Der Kürbis

Im Schrebergarten meines Vaters stand neben der Kompostmiete ein Geräteschuppen aus Metall. Darin waren die üblichen Gartenarbeitsgeräte wie Schaufel, Rechen, Schubkarre, Rasenmäher,

                                        Leiter usw. untergebracht.

                                        Irgendwann bekam ich die Tür nicht mehr auf und mein Vater

                                        musste mir helfen. Sie aufzuschieben war ein ganz schöner

                                             Kraftakt.

                                                  Komisch, der ganze Schuppen ist völlig verzogen, stellte

                                                    mein Vater fest. Damit war das Thema für uns erst

                                                      einmal erledigt. Der Schuppen war schief und damit

                                                        hatte es sich.

                                                         Blöderweise verschlechterte sich der Zustand des

                                                       Gerätehäuschens zusehends. Irgendwann hatte auch

                                                      mein Vater seine Schwierigkeiten, die Tür so weit

                                                    aufzubekommen, um an die Geräte drinnen

                                                  heranzukommen. Jetzt fing er doch an, sich zu ärgern.

                                               Das gibt´s doch nicht, fluchte er und zerrte mühsam die

                                       Leiter aus dem Schuppen, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Auf der Leiter balancierend fing er an, laut zu lachen.

Der Übeltäter war ein Kürbis. Ein ziemlich großer, der unbemerkt auf der Kompostmiete

entstanden und dem Sonnenlicht entgegenwachsend auf dem Dach des Schuppens Platz

genommen hatte. Er thronte dort wie Karlsson im Kinderbuch von Astrid Lindgren und war genau

wie jener dort nicht mehr wegzubekommen.

Mein Vater beschloss zu warten, bis das gelbe Ding erntereif wäre. Bis dahin wollte er die Tür des

Schuppens offen lassen und anschließend versuchen, ihn auszubeulen.

Ganz so wie vorher hat er das Gerätehäuschen nicht mehr hinbekommen. Die Tür blieb ziemlich

schwergängig. Nun ja, tote Materie hat keine regenerativen Fähigkeiten. Die Natur allerdings

schon. Fragt sich nur bis zu welchem Punkt.

Wir geben uns ja jede Menge Mühe, unsere Umwelt zu zerstören. Da kann ich nur hoffen, dass

der Cartoon, in dem sich Erde und Mond unterhalten sich nicht bewahrheitet. Der Mond fragt

die ziemlich kränklich aussehende Erde, woran sie denn erkrankt sei. Sie erwidert, sie habe

Menschheit. Worauf der Mond tröstend antwortet, dies würde vorbeigehen ...

Vielleicht besteht ja noch Hoffnung, so lange es schlaue Leute gibt, die die Natur und ihre

Funktionsweise wissenschaftlich erforschen und klassifizieren.

So ist der Kürbis – botanisch gesehen – eine Beere. Kreuzungen mit Zucchini sind möglich, sehen

aber etwas eigenartig aus. Ich finde das seltsam. Zucchini sehen für mich wie Gurken aus.

Ob Gurken dann auch Beeren sind? Und ob Kreuzungen zwischen Kürbissen und Himbeeren möglich sind? Ich stelle mir vor, wie wohl der Abkömmling eines gelben Zentners und einer

Stachelbeere aussehen mag.

Da ich jedoch noch nie davon gehört habe, dass so etwas möglich ist, muss offenbar sogar die

Natur ihre Grenzen haben. Ich finde, wir sollten uns bemühen, nicht so bald darauf zu stoßen, sondern vorher den Rückwärtsgang einlegen.                                                                                                                                         

​​​Illustration unter Verwendung einer Grafik von: 13Smok/Pixabay

Kürbis
Die unverzeihliche Bärenunterschlagun

Die unverzeihliche Bärenunterschlagung

Als ich im vergangenen Jahr elektronische Weihnachtsgrüße mit Fotos meiner Deko verschickte,

antwortete meine Freundin M., die Frau vom Weihnachtsmann und fragte mich nach meinen

Bären. Wie viele ich denn davon hätte.

Ups … Mir war gar nicht klar, wie bärenlastig meine Weihnachtsdeko ist. Aber sie hat recht.

Der Grund für die vielen Bären liegt aber schon einige Zeit zurück. Seither haben sich die

Teddybären offenbar vermehrt wie Karnickel.

Als Kind fand ich Weihnachten toll. Als Teenager fand ich es doof. Das blieb auch so, bis ich

Jahre später mit meinem Mann Urlaub in einem kleinen Ort im Harz machte. Das Hotel, in dem

wir abstiegen war romantisch eingeschneit und sehr, sehr gemütlich. In unserem Zimmer stand

ein Ohrensessel und im ganzen Haus waren Teddybären verteilt, gekleidet in Schals, Mützen

und dicke Pullover.

Große Bären, kleine Bären, winzige Bären ...

Da mir das gefiel, kramte ich, als wir wieder zu

Hause waren, meine beiden alten Bären hervor.

Einer von beiden ist nur ein Jahr jünger als ich

und hatte irgendwann einmal sogar eine Stimme.

Die ging kaputt, als ich noch ein Kind war.

Ich könnte ihn zwar reparieren lassen, aber

irgendwie wäre er dann nicht mehr derselbe.

Der zweite Bär ist kleiner als meine Handfläche

und möglicherweise sogar älter als ich.

Seine Herkunft verliert sich im Dunkel unserer

Familiengeschichte.

Es dauerte jedenfalls nicht lange und ein

dritter Teddy gesellte sich dazu. Meine Mutter

hatte ihn aufgehoben, ein weiteres Spielzeug

aus meiner Kindheit. Für den habe ich eine

komplette Ausstattung angefertigt: Pullover,

Schal und Mütze habe ich ihm gestrickt. Danach sah er aus wie neu.

Na ja, und dann haben sie sich weiter vermehrt, die Bären …

Ich nenne meiner Freundin also die Anzahl meiner überall in der Bude verteilten Teddybären

und bin selbst baff, weil es so viele sind - das war mir gar nicht bewusst.

Später am Tag bemerke ich Bären, die ich nicht mitgezählt habe. Tatsächlich habe ich fünf (!)

Bären unterschlagen. Wie konnte das nur passieren?

Wie dem auch sei, das ist unverzeihlich! Daher habe ich beschlossen, Inventur zu machen, und

meinen Bärenbestand zu dokumentieren.

Das Ergebnis könnt Ihr Euch „Hinter den Kulissen - Making of Bärige Weihnachten“ anschauen.

Dazu müsst Ihr nur auf das Foto klicken.

Zwei Teddybären
Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

„Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad, meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad ohne Bremse, ohne Hupe, ohne Licht …“

Na, das sollte sie mal heute machen. Da hätte sie ganz schnell die Polizei am Hals, weil sie gegen die Straßenverkehrsordnung verstößt. Gilt die überhaupt im Hühnerstall?

Omas Treiben würde auf jeden Fall die Tierschutzvereine auf den Plan rufen und die Veganer würden Sturm laufen.

Es ist kaum möglich, eine Zeitung aufzuschlagen, ohne auf Berichte über Massentierhaltung

und Tier-Leid sowie Spendenaufrufe gemeinnütziger Vereine zu stoßen, die das verhindern wollen. Gut so!

Die Oma aus dem Nonsens-Lied, dessen Ursprünge bestimmt irgendwo im 19. Jahrhundert liegen, hätte es heutzutage ganz schön schwer.

Ausnahmsweise habe ich mal nicht im Internet recherchiert, woher das Lied stammt.

Erstens stimmt sowieso nicht alles, was man dort an Informationen findet, und zweitens hatte ich dazu keine Lust. Wer von Euch das genau wissen will, kann ja selber nachforschen. Ich bin ja nicht Wikipedia oder so…

Damals eine ganz patente Frau, die im Petticoat aus Wellblech und mit Radioempfang im Backenzahn auf Opas Glatze Schlittschuh lief, ist die Oma aus dem alten Kinderlied zur Verkehrssünderin mutiert, die ohne Licht, ohne Bremsen, ohne Hupe, ohne TÜV unterwegs ist. Eine, die sich ihre Punkte in Flensburg verdient hat.

Und dann auch noch das Geknatter des Motorrads zu Hause bei den armen Hühnern. So eine Tierquälerin! Die gehört eingesperrt. Alles, was dazu nötig war, um diesen Wandel zu vollziehen, ist ein enormer Anstieg der Weltbevölkerung, eine Verknappung der Ressourcen und andere Auswüchse unserer modernen Lebensweise, die immer mehr am Luxus als am wirklich Notwendigen orientiert ist. Aber vielleicht besteht ja noch Hoffnung für die Oma. Wenn sich

die Frauenbewegung, der Verein zur Gleichbehandlung und die Vereinigung Fahrradfahrender Homo sapiens ihrer annehmen. Wenn sie verspricht, sich künftig nur noch vegan zu ernähren und das Motorrad gegen ein Elektrofahrrad eintauscht …

So ein E-Bike ist doch flüsterleise.

Und die Hühner haben bestimmt nichts dagegen, die Oma

damit nach Feierabend nur so zum Spaß die Hühnerleiter

rauf und runter cruisen zu lassen. Schließlich halten sie sich

alle draußen auf, im Freiland, auf der bunt blühenden Wiese.

Und wenn es regnet oder dunkel ist und sie schlafen wollen,

darf die Oma halt nicht rein. Schließlich haben die Hühner im

Hühnerstall das Hausrecht und üben es paragrafengetreu aus.

Jawoll!

Und wenn Ihr mir jetzt immer noch nicht Altersdiskriminierung,

die Vernachlässigung des Gender-Themas und was Euch sonst

noch so einfällt, vorwerft, habe ich mein Ziel verfehlt.

Ich habe mich nämlich wirklich mächtig gewaltig angestrengt, in höchstem Maße politisch unkorrekt und boshaft zu sein …

Marie
Pixel

Pixel

                                                       Weißt Du noch …? fragt mein Mann, als wir uns beim

                                                       Essen gegenüber sitzen. Er hat diesen gewissen

                                                       Gesichtsausdruck und ich kenne ihn lange genug,

                                                       um auf Anhieb zu wissen, worauf er anspielt.

                                                       Weißt Du noch, damals als wir unser erstes

                                                       Mobiltelefon in Betrieb genommen haben?

                                                       Na klar, weiß ich das noch! Das ist einer der

                                                       Meilensteine unserer persönlichen digitalen

                                                       Evolution! Wie könnte ich das vergessen.

                                                       Damals … wie sich das anhört … als wären wir beide

                                                       so alt wie Methusalem.

                                                       Also noch einmal von vorn: Als die Entwicklung

                                                       technischer Kommunikationsapparate so richtig

                                                       Fahrt aufnahm, hatten die meisten Leute zwar

                                                       bereits Festnetztelefone mit Tastatur, aber kein

Mobiltelefon. Ich hatte weder noch. Bei mir zu Hause stand ein Telefon aus Bakelit mit

Wählscheibe. Und wenn ich im Schrebergarten war und telefonieren wollte, ging ich zur

Telefonzelle an der Ecke. Die war eklig versifft, der Hörer klebrig und in der Kabine müffelte

es nach ungewaschenen Füßen. Daher beschlossen mein Mann und ich, uns eines dieser

modernen Hosentaschentelefone anzuschaffen. Die waren damals so groß und schwer, dass die

Hose mit einem Gürtel an Ort und Stelle gehalten werden musste.

Als uns erstmals jemand auf diesem mobilen Monstrum anrief, mähte mein Mann gerade den

Rasen und hörte das Klingeln nicht. Ich hörte es, war aber völlig hilflos, da ich es gewohnt war,

den Hörer abzunehmen - aber bei diesem Ding? Ich schnappte mir also den lärmenden

Apparat und hielt ihn meinem Mann hin mit den Worten: Nun tu doch mal was!

Er verstand meine Misere nicht und forderte mich auf, den Anruf anzunehmen.

Als er endlich kapierte, dass ich nicht wusste wie, guckte er mich an, als käme ich von einem

anderen Planeten.

Inzwischen klimpere ich unerschrocken auf den zuerst immer kleiner, dann größer und

schließlich smart gewordenen Geräten umher. Ich schiebe Pixel hin und her, amüsiere mich

köstlich über viereckige Kühe und grüne Pferde in alten Westernfilmen und bekomme

Lachkrämpfe, wenn ich an die Pixel-Wurst denke, die ich in einem Online-Kochbuch entdeckt

habe. Jemand hatte eine Bratwurst in schlechter Auflösung fotografiert, die im kleinen Format

auf dem Smartphone auch völlig in Ordnung aussah, aber auf dem PC-Bildschirm aus vielen

bunten Quadraten bestand und an die Malereien des Pointillismus erinnerte.

Nun ja, mein erstes Mobiltelefon mit integrierter Kamera produzierte auch Bilder, die wirkten,

als hätte ich mein Fotomotiv aus Legosteinen zusammengebaut.

Inzwischen gibt es sogar richtig dicke Objektive, die mit dem Smartphone verbunden werden

können. Das sieht ziemlich komisch aus, finde ich. Als hätte jemand ein Rohr an ein

Stullenbrettchen geschraubt. Digitale Fotografie ist ja eine tolle Sache, aber meine digitale

Evolution hat Grenzen. Eine Kamera mit modernem Innenleben und altmodischem Äußeren ist

eher mein Geschmack.

Vielleicht sorgt der Retro-Trend ja dafür, dass ich in naher Zukunft mein Wählscheibentelefon

auf digital umrüsten kann.

Das wäre doch mal eine Herausforderung für die Entwickler, oder?

 

Illustration unter Verwendung einer Grafik von: manfredsteger/Pixabay   

Pixel
Dunkel war´s, der Mond schien helle

Dunkel war´s, der Mond schien helle -

oder Kommunikation ist alles

                                       Ab und zu kommt es vor, dass ich mein Fahrrad in der S-Bahn

                                       mitnehmen muss. Da es spezielle Abteile für Leute mit großem

                                       Gepäck, Rollstühlen, Fahrrädern und dergleichen gibt, sollte dies

                                       kein großes Problem sein. Ist es aber doch.

                                       Häufig ist das Fahrradabteil, wie ich es der Einfachheit halber

                                       mal nennen möchte überfüllt mit Leuten, die nichts anderes als

                                       einen kleinen Rucksack oder ein winziges Handtäschchen dabei

                                       haben. Die werden dann auch schon mal sauer, wenn ich mit

                                       meinem Fahrrad ankomme. Umso bizarrer finde ich dies, wenn

                                       ich sehe, dass der restliche Waggon fast leer ist.

                                       Der menschliche Herdentrieb treibt manchmal schon eigenartige

                                       Blüten.

Ich treffe aber auch auf Leute, die ganz anders drauf sind, und das kann dann richtig Spaß

machen.

Es sprach mich einmal in der S-Bahn ein Mann an, der an meinem nicht ganz alltäglichen

Frontscheinwerfer interessiert war. Nachdem wir uns kurz darüber ausgetauscht hatten,

begann er das Nonsens-Gedicht „Dunkel war´s, der Mond schien helle, Schneebedeckt die

grüne Flur…“ zu rezitieren. Da ich das auch – zumindest zum Teil - auswendig kenne, ergänzte

ich die nächste Zeile. Und so ging es, bis wir beide nicht mehr weiter wussten.

Als ich zu anderer Gelegenheit mein Fahrrad dabei hatte, ging ich auf einem großen Berliner S-Bahnhof ein Bündnis mit einer alten Frau ein, die mit einem Rollator unterwegs war.

Wir versuchten beide in einen sich zu zwei Seiten öffnenden Fahrstuhl zu gelangen. Vergeblich  – es kam uns immer jemand von der anderen Seite zuvor. Meistens mit einem Kinderwagen und der Fahrstuhl war dann so voll, dass weder Fahrrad noch Rollator hinein passten.

Also schlug ich der alten Dame vor, den Fahrstuhl von beiden Seiten zu belagern, um uns so

den Nächsten zu schnappen, denn mir war klar, dasswir da beide

zusammen hinein passen. Gesagt, getan, es klappte.

Das haben wir gut gemacht, freute sich die alte Frau und äußerte

die Hoffnung, dass es mit ihrem Anschlussfahrstuhl keine solchen

Schwierigkeiten gäbe. Als ich sie fragte, wo sie denn hin wolle

und wir feststellten, dass wir das gleiche Ziel haben, zottelten wir

gemeinsam los.

Irgendwann werde ich wohl auch so alt und klapprig sein, dass

ich mein Fahrrad gegen einen Rollator eintauschen muss.

Da stelle ich mir die Frage, ob es für diese Dinger auch

Winterreifen gibt – oder vielleicht sogar Schneeketten.

Vielleicht habe ich aber auch Glück und die Klimaerwärmung sorgt dafür, dass es hier keinen Schnee mehr gibt.                                    

 

Illustration unter Verwendung von Grafiken von: janista/Shuttersock und lantapix/Shutterstock

Person mit Rollator
Fahrradfahrer:in
Mülltonne oder Schatzkiste

Mülltonne oder Schatzkiste

In meiner Küche steht ein Müllcontainer. So ein Dunkelgrauer auf Rädern mit Schiebedeckel.

Oh ja, der passt da rein! Der ist nämlich keine 20 cm hoch und breit. Entdeckt habe ich ihn im

Internet und da ich eine Schwäche für Miniaturen habe, musste ich den einfach haben.

Natürlich hatte ich auch einen Verwendungszweck

im Hinterkopf. Ich kaufe doch nicht einfach irgendetwas,

nur weil es mir gefällt. Nee, einen Nutzen muss es schon

haben. Jetzt steht also dieser Müllcontainer in meiner

kleinen Küche und nimmt meine Bio-Abfälle auf.

Wobei, eigentlich müsste ich von Bio-Wertstoffen reden,

schließlich wird alles, was ich zu meinem Kompost trage,

von den dort beschäftigten Schnecken, Asseln,

Regenwürmern usw. recycelt. Oder ist das Upcycling,

was die da machen? Jedenfalls steht am Ende dieses

Prozesses richtig schöner dunkler Humus, mit dem der

Garten gedüngt werden kann.

Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert, wie aus

Obst- und Gemüseschalen, altem Laub und Kaffeesatz

etwas Neues entsteht.

Seit ich diesen Mini-Müllcontainer habe, gehe ich noch

lieber zum Kompost als vorher. Dann trage ich das

kleine Ding wie eine Schatzkiste vor mir her und freue

mich doppelt. Zum einen über die Miniatur und zum anderen darüber, dass meine große

Mülltonne sich nur ganz langsam füllt mit den Dingen, die ich meinen Komposthelfern nicht

anvertrauen kann.

Überhaupt ist es eine Sache der persönlichen Einstellung, ob es sich bei dem, was man vor sich

hat, um Müll handelt oder um etwas, was man schon lange gesucht hat.

One man´s trash is another man´s treasure.

Vor einiger Zeit habe ich zum Beispiel ein hölzernes Wandregal gefunden. Jemand hatte eine

Haftnotiz daran befestigt, auf der stand, man dürfe es gerne mitnehmen. Es gefiel mir, also

habe ich es mitgenommen. Jetzt hängt es frisch lackiert an der Wand auf meiner Terrasse und

dient als Ablagefläche für Gartenhandschuhe, Kräuterschere, Schlüssel und anderen Kleinkram -

sehr praktisch.

Gerade kommt mir die Idee, dass ich ja auch meinen Mini-Einkaufswagen dort parken könnte.

Dann kann ich darin meine Chilischoten in der Sonne trocknen. Drinnen funktioniert das zwar

auch, dauert aber länger. Ja, ich denke, das mache ich so. Und wo ich schon dabei bin, könnte

ich gleich noch eine Espressotasse dazu stellen. Die mag ich nämlich auch, weil die so winzig

sind. Mein Mann hat ja den Verdacht, dass ich mir das Espressotrinken nur wegen der putzigen

kleinen Tassen angewöhnt habe. Da könnte er recht haben.

Oder noch besser, ich stelle den winzigen Zinkeimer drauf, den ich einmal zusammen mit einem

Pflänzchen geschenkt bekommen habe. Den werde ich mit Lehm füllen. Den gibt´s in meinem

Garten nämlich nicht. Deshalb müssen die Bienen, Wespen, Käfer und anderen Viecher, die

meine Insektenhotels beziehen, den woanders her holen, wenn sie die Öffnungen verschließen

wollen. So kann ich meine Vorliebe für Miniaturen wieder mit etwas Nützlichem verbinden.

Außerdem kann es nicht schaden, ein Alibi zu haben. Sonst besteht die Gefahr, dass meine

Familie mich für völlig bekloppt hält.

Mini-Müllcontainer
Das Grauen hat einen Namen

Das Grauen hat einen Namen

Ich bin überzeugt: Das Grauen hat einen Namen! Er lautet für jede und jeden von uns anders, aber ich bin sicher, wir alle können ein oder sogar mehrere Lebensmittel oder Gerichte nennen,

vor denen uns graust. Ich bin da keine Ausnahme, obwohl ich wirklich hemmungslos neugierig

                                  bin. Ich wollte sogar schon einmal geröstete Heuschrecke probieren,

                                  aber mein Mann wollte nicht mitkommen und allein in das

                                  Restaurant gehen, wo sie angeboten wurden, wollte ich dann aber

                                  auch nicht. Daher kann ich nicht beurteilen, wie sie schmecken.

                                  Vielleicht teste ich demnächst mal einen von diesen Insekten-

                                  Burgern, von denen in letzter Zeit so viel die Rede ist.

                                  Allerdings habe ich schon mal eine Ameise probiert – aus Versehen.

                                  Sie hatte sich in meinen Joghurt verirrt und ich habe sie erst

                                  bemerkt, als ich sie bereits im Mund hatte. Die war nicht lecker.

                                  Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Ameise an sich ungenießbar

                                  war, oder ob sie im Rahmen der Selbstverteidigung eine chemische

                                  Substanz absonderte, die so widerlich und eklig schmeckte.

                              

                                  Mein persönliches Horror-Menü ist "Eisbein mit Sauerkraut".

                                  Als ich mit meinem Mann einmal eine Kneipe besuchte, in der auch

einige Gerichte (unter anderem "Eisbein") serviert wurden, saß neben uns an der Theke ein

Mann, der auf sein Essen wartete. Als es serviert wurde, wäre ich am liebsten schreiend raus

gerannt.

Diese wabbelnde Fettschicht drum herum! Und dann waren auch noch Restbestände von

Borsten dran … GRUSELIG!

Nun ja, was für mich der blanke Horror ist, ist für die, die es mögen eine Delikatesse.

Interessanterweise ändert sich der Geschmack im Laufe des Lebens. So habe ich zum Beispiel

Oliven verabscheut, bis mein Freund C. - der Weihnachtsmann - hartnäckig versuchte, mir

mit Knoblauch gefüllte grüne Oliven schmackhaft zu machen. Da er nicht locker ließ, habe ich

eine probiert, weil ich hoffte, dass er mich dann in Ruhe lässt. Ich war aber ziemlich überrascht,

dass mir die Dinger schmeckten. So saßen wir schließlich auf einer Parkbank und haben den

ganzen Becher, den er gerade erst gekauft hatte, leergefuttert.

Seit diesem Tag probiere ich wirklich fast alles. Man kann ja nie wissen, vielleicht schmeckt es

mir ja – und wenn nicht, bin ich wenigstens um eine Erfahrung reicher.

Marie
Gleiche Umgebung - Verschiedene Welten

Gleiche Umgebung - Verschiedene Welten

Unterwegs mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad begegnen mir immer wieder bizarre Situationen und skurrile Leute. Wir sitzen alle in der gleichen S-Bahn oder bewegen uns durch die gleichen Straßen. Trotzdem scheinen sich einige Personen in einem ganz eigenen Universum zu bewegen, zu dem niemand anderer Zutritt hat geschweige denn, es überhaupt wahrnimmt.

So traf ich einmal spät abends auf einen Mann in Anzug und Krawatte - so ein richtig seriös aussehender Business-Typ -, der mitten auf dem Fahrradweg stand und in den Sternenhimmel starrte. Da er auf mein Klingeln nicht reagierte und ich es nicht eilig hatte, hielt ich neben ihm an und fragte ihn, was es dort oben zu sehen gäbe. Er guckte mich an, als wäre er gerade erst aufgewacht.

Manchmal geht´s mir ja genauso. Als Kind war ich gerne mit Magellan und Cook auf Weltentdecker-Tour. Ich glaube, ich habe alles verschlungen, was in der kleinen Bücherei um die Ecke an Sachbüchern zum Thema historische Entdecker zu haben war. Natürlich habe ich auch jede Menge Abenteuerromane gelesen und mir vorgestellt, wie ich mit den vier Musketieren fechte oder gemeinsam mit dem Grafen von Monte Cristo Rachepläne schmiede.

Dumm ist es nur, wenn ich dabei meinen Umsteigebahnhof verpasse oder von einem Kontroletti

dazu aufgefordert werden muss, nun endlich mal den Waggon zu verlassen, weil ich, ohne es zu merken bis zur Endhaltestelle gefahren war.

So schnell wird aus einem „Ich bin dann mal weg“ ein “Hier wollte ich doch gar nicht hin“.

Vor ein paar Tagen bin ich wieder einmal überstürzt aus der Bahn

gehechtet, weil ich über meiner Lektüre vergessen habe, dass ich

in der S-Bahn sitze und auf dem Weg zur Arbeit bin.

Es haben mich aber auch schon andere Leute komisch

angeguckt, weil ich über meinem Buch oder einer lustigen

Nachricht, die ich auf meinem Smartphone erhalten habe,

angefangen habe, laut zu lachen. Das ist mir aber wurscht.

Sollen die doch über mich denken, was sie wollen -

ich bin eine harmlose Irre.

Außerdem laufen so viele Menschen herum, deren Gesichter

an eine geballte Faust erinnern, da muss ich einfach dagegen

halten. Ich kann nicht anders.

„Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“

An dieses Zitat von Schopenhauer muss ich dann immer denken,

wenn mir wieder einmal so eine verbiesterte Person gegenüber sitzt. Am liebsten möchte ich dann laut vorlesen, was mich gerade zu Lachen gebracht hat. Das traue ich mich dann aber doch nicht.

Marie
Krümelmonster

Krümelmonster

Heute habe ich einen freien Tag und kann machen, was ich will. Also trödele ich vor mich hin, trinke Tee hin und denke nach. Ich entscheide mich, endlich über eine meiner größten Leidenschaften zu schreiben: KEKSE!

Kekse sind toll. Ungesund. Süß. Überflüssig. Lecker. Ich freue mich, dass es sie gibt.

 

Als ich ein Kind war, nannte mein Vater mich „Krümelmonster“. Ob das daran lag, dass ich, obwohl klein ein Monster war oder an meiner Liebe zu Keksen und den untrennbar damit verknüpften Krümeln, ich weiß es nicht. Das ist aber auch egal. Was ich damit sagen will ist, dass meine Leidenschaft für Kekse schon sehr lange andauert. Allerdings vermeide ich es inzwischen aufgrund jahrelanger schlechter Erfahrungen, sie im Bett zu essen.

Ich besitze nicht nur bunte Keksdosen, sondern auch einen gläsernen Behälter mit Deckel – ein Geschenk - auf dem „Cookie Freak“ steht. Wenn da Kekse drin sind, sieht es total gemütlich aus. Allerdings hält die Gemütlichkeit nie lange an. Es ist sehr schwer für mich, Kekse zu finden, die nach etwas aussehen, aber langweilig sind und mir nicht schmecken.

Ich könnte auch rund ums Jahr „Spekulatius“ essen. Die haben mir aufgrund der darin enthaltenen Gewürze sogar schon einmal gegen Bauchweh geholfen. Ich glaube, in Belgien gibt’s die immer, nicht nur zu Weihnachten, so wie bei uns.

In Belgien müssen glückliche Menschen leben …

 

Ich trinke also meinem Becher mit Tee aus und will gerade aufstehen, als ich eine Nachricht auf mein Smartphone erhalte.

Meine Freundin B. will wissen, ob ich „Oreo“-Kekse mag.

Ich weiß es nicht, da ich mich nicht erinnern kann, schon einmal einen gegessen zu haben.

Die sollen sehr ungesund sein, schreibt sie, zu überwiegenden Teilen aus Palmfett, Emulgatoren und künstlichen Aromastoffen bestehen. Ob ich nicht eine Idee hätte,

sie „gesund“ nachzubauen.

Ich lache mich kaputt! Das muss ein Zeichen sein.

Gerade denke ich an Kekse und dann das.

Ich überlege. Nee, gesunde Kekse, so etwas gibt es nicht.

Aber vielleicht bekomme ich etwas hin, was nicht ganz so

ungesund ist.

Es ist also beschlossene Sache: Ich werde demnächst die

von meiner Freundin erwähnten Kekse kaufen, während

ich sie esse, ordentlich krümeln und sie geschmacklich

analysieren. Dann werde ich versuchen, etwas

Vergleichbares zustande zu bringen. Das wird bestimmt

nicht auf Anhieb klappen. Trotzdem werde ich alle meine

Versuche essen und kugelrund davon werden.

Aber das ist unwichtig. Was tut man nicht alles für die Freundschaft 😜

​​​

                                                                                                                                   Illustration unter Verwendung von Grafiken von: nikapeshkov/Freepik

Kekse
Eine rechts, eine links

Eine rechts, eine links

Schon vor einiger Zeit hatte ich über den rauschhaften Zustand berichtet, in dem ich mich befinde, seit ich das Stricken wiederentdeckt habe. Man sollte meinen, dass die damit zusammenhängende Euphorie irgendwann nachlässt.Das sollte sie, tut sie aber nicht.

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie das war, damals, als ich noch nicht jeden Tag mit den Stricknadeln herumwerkelte. Ich glaube, ich bin wollsüchtig. Anders kann ich mir nicht erklären, was gerade mit mir passiert.

Ich bin so wunderbar entspannt, wenn ich knoble und tüftle, wie ich den Faden dazu bringen könnte, sich in die von mir gewünschte Form zu verwandeln. Sogar meinem Mann ist das aufgefallen, das mit der Entspanntheit meine ich. Und das will schon etwas heißen.

Inzwischen produziere ich nicht nur Strickjacken. Nein, sogar das Sockenstricken hat seinen Schrecken verloren.

Als Kind hatte ich mir die Herstellung von Socken anhand einer für mich seinerzeit kryptisch anmutenden Anleitung selbst beigebracht, um dahergelaufene Wollreste zu verarbeiten.

Jetzt habe ich die Anleitung erneut gelesen und fand sie nicht weniger verwirrend. Aber entweder habe ich inzwischen mehr Geduld als früher (was eher unwahrscheinlich ist) oder meine Fingerfertigkeit hat sich verbessert. Wie dem auch sei, nach einigen wüsten Flüchen und aufribbeln des bereits gestrickten und viel Frustration beim Neubeginn bin ich inzwischen an einem Punkt angelangt, wo ich die Dinger auch im Schlaf stricken könnte. Erschrecken ist das!

Es kommt aber noch schlimmer: Ich stricke jetzt sogar Mützen!

Aus Resten meistens, aber immerhin Mützen.

Jetzt wollt Ihr bestimmt wissen, was denn

daran so schrecklich ist.

Das kann ich Euch sagen: Ich trage keine

Mützen. Wie bekloppt ist das denn etwas

herzustellen, von dem ich von vornherein

weiß, dass ich es nie im Leben anziehen

oder aufsetzen werde?

Ich stricke also eine Mütze und noch

eine und schaue mir gleichzeitig

kopfschüttelnd dabei zu und denke:

Marie, Du bist bescheuert. Du bist nicht

nur bescheuert, Du hast auch wirklich

Schwein.Du hast doch tatsächlich eine

Mützenliebhaberin in Deiner Umgebung,

die Dir Deine Machwerke gerne abnimmt.

Du darfst nur nicht vergessen, auch sie

hat nur einen Kopf. Schau Dich also besser mal nach weiteren Köpfen um, die Du mit Deinen Werken schmücken kannst.

Was ist dafür besser geeignet als das Internet? Daher habe ich „Strick-Murks“ ins Leben gerufen. Neugierig? Dann klickt auf´s Bild oder diesen Link: https://www.strick-murks.de/

Zwei Teddybären
Etwas Dill und einige Schweine

Etwas Dill und einige Schweine -

Offener Brief an Herrn Grün

Lieber Herr Grün,

 

ich danke Ihnen! Sie inspirieren mich. Ihr Blog macht einfach Spaß. Es gibt ansprechende Fotos 

und ungewöhnliche Kombinationen – ich denke da zum Beispiel an Ihren „Knoblauch-Krokant“ oder die „Schnittlauch-Pfannkuchen mit Kirschen“. Wunderbar! Auch Ihre anderen Rezeptideen gefallen mir sehr. Sie geben gute Tipps, die auch von einer Amateurin wie ich eine bin und die das Kochen nie gelernt hat, leicht und unkompliziert umgesetzt werden können.

Auch die netten, manchmal etwas schrägen Anekdoten um den Professor und seinen Roboter lese ich immer wieder gerne. Letzteren vermisse ich seit einiger Zeit. Er ist doch hoffentlich nicht kaputt?

Ach ja, die Inspiration … Ich probiere vieles aus und manches geht in die Hose. Das macht aber nichts. Ich übe. Oder anders gesagt: ich murkse. Daher auch der Titel meiner Rezepte-Sammlung „Murksbuch 2.0“, die ich zusammen mit kleinen Geschichten aus meinem Alltag auf meiner Website vorstelle.

Meistens passiert mir irgendetwas Blödes und ich versuche mich nicht zu ärgern, sondern das Komische darin zu sehen. Ich höre meinen Freund*innen und Kolleg*innen zu, schnappe Gesprächsfetzen auf der Straße auf oder finde bizarre Dinge im Internet. Mein Computer hilft mir dann, die Bilder, die in meinem Kopf entstehen, umzusetzen.

An dieser Stelle muss ich Ihnen, lieber Herr Grün, noch einmal ein riesengroßes DANKESCHÖN entgegenschmettern. In Ihrem Blog habe ich nämlich eine wahre Perle entdeckt. Es dürfte sich hierbei um einen Übersetzungsfehler handeln, der mich sehr amüsiert hat.

Das Rezept für Ihren „Kartoffelsalat Rørvig“, das meinem Rezept „Kartoffelsalat auf Urlaub in Dänemark“ ähnelt, haben Sie auch in Dänisch eingestellt, wo es an einer Stelle heißt: „nogle dill og nogle grise“. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das: „etwas Dill und einige Schweine“.

Glauben Sie mir, ich habe Tränen gelacht

bei der Vorstellung, wie sich viele kleine

Schweinchen auf dem Kartoffelsalat tummeln.

Ein Bild, das nach sofortiger Umsetzung rief.

Es heißt ja immer, das Auge isst mit.

Da ist etwas dran. Die Schweine bilden

einen hübschen Farbkontrast zu den Gurken.

Aber irgendwie finde ich sie dann doch zu

niedlich, um sie zu essen. Ich werde wohl

bei Dill und Röstzwiebeln bleiben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch

viele Ideen und schöne Tage im Garten

und im Kochlabor mit dem Professor.

Machen Sie weiter so!

 

Es grüßt Sie ganz herzlich, Ihre Marie.                           llustration unter Verwendung von Grafiken von Clker-Free-Vector-Images/Pixaby

Schweine auf Kartoffelsalat
In Unterhose zum Mond

In Unterhose zum Mond

                                                          Ich liebe schräge Geschichten und farbige

                                                          Formulierungen, die dafür sorgen, dass ich

                                                          gleich ein Bild vor meinem geistigen Auge sehe.

                                                          Genau das ist, glaube ich, auch gemeint, wenn

                                                          angehenden Schriftsteller*innen der Hinweis

                                                          „show, don‘ t tell“ mit auf den Weg gegeben wird.

                                                          Es gibt so herrlich wunderbare Aussagen und

                                                          bildhafte Sprichworte.

                                                          So siehst du zum Beispiel den Wald vor lauter

                                                          Bäumen nicht, stehst wie der Ochs vor‘ m Berg

                                                          oder wie ein Dampfer auf der Wiese. Wenn du

                                                          nicht schlafen kannst, beginnst du Schafe zu

                                                          zählen. Das finde ich aber eher langweilig.

                                                          Viel besser gefällt mir, dass du dich bei akuter

                                                          Schlaflosigkeit wie ein Furz um die Laterne drehst.

Ist eine Gelegenheit verstrichen, heißt es: Der Drops ist gelutscht. Wenn du etwas absolut nicht verstehst und komplett verwirrt bist, glotzt du unter Umständen wie ein Schwein ins Uhrwerk.

Du kannst vom Pferd getreten oder vom Elch geknutscht werden. Es gibt Quatsch mit Soße und es kann so duster wie in einem Bärenarsch sein.

Wobei ich lieber nicht darüber spekulieren möchte, wie jemand wissen kann, wie es dort

aussieht. Daher unterstelle ich der Person, die diesen Ausspruch geprägt hat, einfach mal eine sehr gute Vorstellungskraft.

Auch festzustellen, wie ein Bär um die Eier aussieht und diese Begegnung lange genug zu überleben, um davon berichten zu können, erscheint mir eher unwahrscheinlich zu sein.

Je bizarrer sie sind, umso besser gefallen mir diese Beschreibungen. Hier haben Menschen ihre Fantasie spielen lassen und sich diese Bilder ausgedacht. Anderen wiederum haben sie mindestens so gut gefallen wie mir, weshalb sie im Laufe der Zeit Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs wurden.

Nun möchte ich die Gelegenheit beim Schopf packen - auch wenn ich finde, dass das eine ziemlich brutale Vorgehensweise ist - und auch etwas beitragen.

Folgende Situation: Ein Kollege kam zu mir ins Büro, um mir eine Frage zu stellen. Offenbar konnte er aber mit meiner Antwort nichts anfangen, denn diese hatte zur Folge, dass er mich so irritiert anschaute, dass sofort ein Bild in meinem Kopf entstand.

Ich fand, mein Kollege würde dreinschauen, als hätte ich von ihm verlangt, nur mit einer Unterhose bekleidet, zum Mond zu fliegen.

Wenn diese Formulierung noch nicht existiert; ich stelle sie gerne zur Verfügung 😉

                                                             lIllustration unter Verwendung eines Fotos von: Craig Letourneau/Pixabay und einer Grafik von: OpenClipart-Vectors/Pixabay

Cartoon-Figur in Unterhose
Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Ich muss zugeben, ich habe Vorurteile. Damit stehe ich nicht alleine da. Viele Menschen haben

Vorurteile. Das macht es aber nicht besser - im Gegenteil.

Meine Vorurteile richten sich gegen Leute ohne Humor. Die sind mir irgendwie suspekt und ich

versuche, ihnen möglichst aus dem Weg zu gehen. Das ist leider nicht immer möglich.

Umso besser, wenn ich nicht nur privat auf Menschen treffe, die Humor haben, sondern auch

im beruflichen Umfeld.

Vor Jahren hatte ich eine Kollegin, mit der ich mir zeitweise sogar ein Büro geteilt habe, die

nicht nur über einen, wie ich finde, ausgeprägten Sinn für Humor verfügte, sondern auch

bizarre Situationen geradezu magisch anzuziehen schien. Was ihr alles so zugestoßen ist, war

zum Teil geradezu filmreif. Auch wenn sich unsere Wege inzwischen getrennt haben, bin ich

überzeugt, die Kette Merkwürdigkeiten, die ihr Leben durchzogen ist noch nicht vorbei.

Ich erinnere mich, wie wir im Büro alles stehen und liegen ließen und Tränen lachten, wenn

sie – aus dem Urlaub oder dem Wochenende kommend – auf ihre ulkige Art erzählte, was ihr

so alles passiert war.

So berichtete sie davon, wie sie sich einmal auf einem Weihnachtsmarkt einen noch nicht

ausgehärteten kandierten Apfel gekauft hatte. Der Zuckerguss wurde fest, als sie hinein biss.

Weil ihre Schneidezähne nicht mehr die stabilsten waren, konnte sie jedoch nicht abbeißen,

sondern musste mit dem Apfel vorm Gesicht die Toilette eines Kaufhauses am Platz aufsuchen,

um das Obst wieder los zu werden.

Ihre Zähne waren locker, weil sie einmal im Urlaub auf einer Bergwiese ins Gras gebissen hatte

(ihre eigenen Worte). Dort war sie gestolpert, während sie mit ihrem Mann sprach und mit

offenem Mund unbeabsichtigt dem Gras auf der Alm ziemlich nahe gekommen. Den Rest gab

sie ihren Zähnen allerdings beim Spazieren gehen in ihrer Nachbarschaft. Dort geriet sie mit der

Fußspitze unter ein Holzbrett einer Baustellenabdeckung auf dem Gehweg, schlug der Länge

nach hin und verlor dabei alle vorderen Zähne.

Sie schickte uns per E-Mail mit dem Betreff „Halloween“ ein Foto von sich ins Büro, auf dem sie

breit grinsend ihr grün und violett schillerndes Gesicht präsentierte - Aua!

Am bizarrsten fand ich aber die Sache mit der Hollywoodschaukel.

                                                       Diese stand auf ihrem Balkon, wurde an einem

                                                       stürmischen Sommertag von dort heruntergeweht

                                                       und landete fein säuberlich zwischen den Autos auf

                                                       dem Parkplatz des Mietshauses, in dem sie wohnte.

                                                       Eine Nachbarin, die dies von ihrem Fenster aus

                                                       zufällig beobachtet hatte, berichtete ihrem Mann

                                                       davon. Der glaubte ihr zwar nicht und erzählte die

                                                       Sache aber trotzdem weiter.

                                                       Ob der Mann wohl Sinn für Humor bewies oder sich

                                                       verschaukelt fühlte, als einer seiner Zuhörer ihm

                                                       antwortete, die Hollywoodschaukel würde seiner

                                                       Tochter gehören?

 

 

                                                                                                                  lIllustration unter Verwendung eines Fotos von: Manfred Antranias Zimmer/Pixabay

Hollywoodschaukel
Shoppig-Queen

Shopping-Queen

Dass mir hier niemand auf falsche Gedanken kommt:

Ich bin keine Shopping-Queen!

Im Gegenteil, ich verabscheue es geradezu, mir Klamotten zu kaufen.

Sobald ich ein Bekleidungsgeschäft betrete und die vielen bunten

Fummel in Regalen, auf Tischen und auf Bügeln sehe, möchte ich

am liebsten sofort wieder umkehren.

Die Vorstellung, mich da durchzuarbeiten, etwas auszuwählen

und dann in einer viel zu engen Umkleidekabine anzuprobieren,

nur um festzustellen, dass mir das Teil entweder zu groß oder

zu klein ist, schreckt mich ab.

Okay, ich könnte mir eine der freundlichen Verkäuferinnen

zu Hilfe holen, die mir dann, während ich in Unterwäsche in

meinem Kabuff stehe und warte, neue Klamotten zum Probieren bringt. Dann muss ich aber Small Talk mit ihr betreiben und dazu habe ich keine Lust.

Deshalb kaufe ich meine Kleidung meistens im Internet, und das auch nur selten. Eigentlich immer nur dann, wenn etwas kaputt ist oder wie gerade jetzt mir nicht mehr passt, weil ich entweder zu viele Kekse gegessen habe oder sich aufgrund der Hormonumstellung in einem gewissen Alter mein körperliches Erscheinungsbild verändert.

Gerade ist es wieder so weit: Ich brauche neue Klamotten. Wochenlang habe ich versucht,

den Umstand zu ignorieren, dass bestimmte Teile und ich einfach nicht mehr miteinander kompatibel sind. Wie ärgerlich.

Vor ungefähr einem Jahrzehnt – ehrlich - habe ich mich in einem Bekleidungsgeschäft beraten lassen und mit einer großen Papiertüte den Laden verlassen in dem Wissen, dass sich diese leidige Angelegenheit erst einmal erledigt hat.

Jetzt hat sich das Klamotten-Thema zurückgemeldet. Na gut, denke ich, dann gehe ich wieder in den gleichen Laden und wenn ich Glück habe, ist anschließend für weitere zehn Jahre Ruhe.

Hürde Nummer eins habe ich also genommen. Mein innerer Schweinehund ist bereit, sich aufzuraffen und shoppen zu gehen. Schon erwartet mich Hürde Nummer zwei. Der Laden ist umgezogen und residiert jetzt in der „Mall of Berlin“. Ausgerechnet …

Aber ich bin jetzt auf Kurs und sage mir selbst: „Ich schaffe das!“ Hürde Nummer drei erwartet mich in der Mall. Das Infoterminal ist störrisch und akzeptiert meine Eingaben erst, nachdem ich mit viel Elan und Kraftaufwand darauf herumdrücke.

Als ich endlich herausgefunden habe, wo ich hinmuss, stürme ich durch die Mall und erreiche

„meinen“ Laden. „Uff, ich hab´s geschafft“ rutscht es mir heraus, als ich ihn betrete.

„Was haben Sie geschafft?“ fragt mich eine Verkäuferin und ist über meine Antwort sichtlich

amüsiert.

Es wird ein zielorientierter, erfolgreicher Einkauf mit sehr wenig Small Talk, einer leeren Geldbörse auf meiner und einer vollen Kasse auf der anderen Seite.

Ich verabschiede mich erschöpft und zufrieden: „Tschüss. Ich wünsche Ihnen einen schönen

Feierabend. Bis zum nächsten Mal in zehn Jahren.“

 

                                                                                                                         lIllustration unter Verwendung einer Grafik von OpenClipart-Vectors/Pixabay

Shopping-Queen
Wildes Brandenburg

Wildes Brandenburg

                                                             Als ich neulich frühmorgens gemütlich zum

                                                             Bahnhof radelte, begegnete mir ein Raubtier,

                                                             welches mich offenbar zum Frühstück

                                                             verspeisen wollte.

                                                             Eine stinknormale Hauskatze pirschte sich wie

                                                             eine Löwin in einemDokumentarfilm an mich

                                                             heran … Eine solche Selbstüberschätzung

                                                             begegnet mir sonst nur in menschlicher

                                                             Gestalt. Ich bin doch keine Antilope und eine

                                                             Maus schon gar nicht. Für die Katze bin ich

                                                             ein zu großer Happen. Trotzdem wirkte sie etwas enttäuscht, als ich an ihr vorbei fuhr. Normalerweise rennen die Miezen wie die Hasen, wenn ich mit meinem Fahrrad daher komme.

Andere Tiere natürlich auch – meistens. Manche bleiben aber auch stehen und warten, bis

ich an ihnen vorbeigefahren bin. So treffe ich auf vorsichtige Füchse, skeptische Igel, flotte Waschbären und sogar den Biber, der unseren kleinen Bach staut, habe ich schon einmal gesehen. Manchmal riecht es dort, wo ich lang fahre, auch nach Wildschweinen - denen möchte ich lieber nicht begegnen.

Mein Mann nimmt meistens den Weg am Bach entlang und freut sich, wenn er neben den Enten und den Bisamratten auf einen Fischreiher trifft. Der Reiher scheint allerdings großen

Wert auf seine Intimsphäre zu legen. Er lässt sich immer nur dann in der Nähe des Wanderweges blicken, wenn mein Mann seine Fotoausrüstung nicht dabei hat.

Es kommt aber auch vor, dass die hiesige Fauna uns auf den Pelz rückt. So hatten wir in unserem Garten bereits Besuch von einem Rothirsch. Einmal lag er neben unserem Teich in

der Sonne, als ich von der Arbeit nach Hause kam und guckte mich an. Erst als ich vor Überraschung „Ach du Scheiße!“ sagte, beschloss er, sich zu verkrümeln. Mein Ausruf hindert

ihn allerdings nicht daran wiederzukommen. Dass es ihm bei uns offenbar gefällt, werte ich einfach mal als Kompliment für unsere naturnahe Gartengestaltung.

Der Igel, der in unserem Garten wohnt, ist auch nicht nur in der Dämmerung, sondern auch tagsüber unterwegs. Ich bemerke ihn immer nur aufgrund der leise raschelnden bodennahen Pflanzen, in deren Schutz er sein Jagdgebiet auf der Suche nach Insekten und Schnecken durchstreift.

Schön, so viel Natur auf relativ kleinem Raum!

Wenn allerdings die Ringeltauben, die ihren Donnerbalken genau vor meiner Haustür haben und auch am Wochenende, wenn ich ausschlafen möchte, bereits morgens um halb fünf zu gurren anfangen, demnächst bitte umziehen würden, wäre das ein Beitrag zu guter Nachbarschaft, den ich sehr begrüßen würde. So wie ich die Viecher einschätze, werden sie

sich weigern. Was dann? Ich kann sie ja schlecht wegen Störung der Nachtruhe verklagen.

Den Ast, auf dem sie sitzen absägen, ist auch keine Lösung - der Baum kann schließlich nichts dafür. Und die Tauben hocken dann garantiert auf der Regenrinne.

Sch... schöne Natur!

 

                                                                                                                                  lIllustration unter Verwendung eines Fotos von: katja/Pixabay

Löwin
Blaupapier

Blaupapier

                                               Blaupapier … Kennt das noch jemand? 

                                               Bevor Kollege Computer Einzug in die Arbeitswelt hielt,

                                               mussten wir Schreibtischtäter*innen von Hand schreiben.

                                               Allein die Vorstellung, von einem Schriftstück zwei

                                               Durchschläge mit Blaupapier anzufertigen, trieb mir den

                                               Schweiß auf die Stirn. Wenn ich Pech hatte, reichten

                                               meine Bemühungen nicht einmal aus, und auf Blatt

                                               Nummer drei waren nur geisterhafte hellblaue Schemen

                                               zu erkennen.

                                               Die Arbeit mit Blaupapier erforderte ein Höchstmaß an

                                               Konzentration und Muskelkraft. Nur ein Schreibfehler und

                                               ich musste noch einmal von voranfangen.

                                               Ein Albtraum ... Wenn ich wenigstens eine Schreibmaschine zur Verfügung gehabt hätte. Die waren jedoch den Schreibkräften – Kanzlei wurde das damals genannt – vorbehalten. Dort wurden aber nur die Briefe getippt, die das Haus verlassen sollten.

Dafür durfte ich dann das Diktiergerätnutzen. Yeah!

Interner Schriftwechsel und sonstige schriftliche Dokumente allerdings bedeuteten: Blaupapier.

Manchmal läutete ich meinen Feierabend mit verkrampften Fingern, Muskelkater, und/oder

mit Pflastern übersäten Händen ein. Papier mag ja geduldig sein, es verfügt aber auch über scharfe Kanten. Ungeschickt gehandhabt hinterließ es des öfteren schmerzhafte Schnittwunden. Einmal kam ich sogar mit einer ordentlichen Quetschung an einer Hand nach Hause.

Die Ursache war ein defekter Locher. Frag´mich bitte niemand, wie ich das geschafft habe.

Das Büro-Utensil hatte sich in meine Hand verbissen und ich benötigte einige Zeit und die Hilfe einer Kollegin, um es wieder loszuwerden. Bis ich an diesem Tag zu Hause ankam, ähnelte meine Hand einer Aubergine und mein Mann fragte, ob ich eine Zulage ausgezahlt bekäme,

da ich ja offenbar einen sehr gefährlichen Job ausübe.

Das Gefahrenpotenzial sank zwar nicht als ein PC in mein Büro einzog, bedeutete aber das Ende der Blaupapier-Ära.

Der erste Rechner war so ein klobiges dickes Teil, das viel zu viel Raum einnahm, später kam dann ein flacher Monitor. Inzwischen gibt´s Laptops und Tablets fürs mobile Arbeiten oder im Homeoffice.

Locher und Papier sind aber noch da. Nicht mehr lange und es wird ihnen ergehen wie dem Blaupapier. Sie werden nicht mehr gebraucht und wandern entweder ins Museum (vielleicht) oder in den Müll (wahrscheinlich), wie die letzten Bögen Blaupapier, die ich neulich beim Aufräumen gefunden habe. Möglicherweise war es ein Fehler, sie wegzuschmeißen.

Mein Neffe findet Blaupapier cool, sagt er.

Mmh… Die Retro-Welle … Möglicherweise hätte ich es verkaufen und damit reich werden

können … So ein Mist!

                                                                   lIllustration unter Verwendung einer Grafik von OpenClipart-Vectors/Pixabay

Stift und Papier

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                                               Neulich erhielt ich eine Nachricht auf Instagram, in der

                                               ich gefragt wurde, ob man mich etwas fragen dürfe.

                                               Ist doch schon passiert, dachte ich und schaute mir den

                                               dazugehörenden Account an. Ich wollte wissen, wer da

                                               so umständlich kommuniziert, anstatt direkt zur Sache

                                               zu kommen. Gut, ich will nicht meckern, vielleicht wollte

                                               der- oder diejenige nur freundlich sein. Trotzdem ...                                                          Also rufe ich den Account auf und staune.

                                               Das passiert mir auf Instagram ziemlich oft. 

                                               Ich staune und wundere mich über die vielen „Likes“,

                                               die jemand für ein - in meinen Augen - unappetitliches

                       oder verschwommenes Foto erhalten hat, über inhaltsleere Beiträge, die

                       viele Nutzer*innen anzusprechen scheinen, mir aber am Allerwertesten vorbeigehen. Ob etwas mit mir nicht stimmt?

Vielleicht habe ich aber auch nur einen komischen Geschmack. Hunderte, manchmal sogar tausende Follower können sich doch nicht irren, oder? Der Beitrag muss etwas zu bieten

haben, das mir entgangen ist.

Ich lese weiter, beginne den Kopf zu schütteln, zu grinsen, zu kichern und kann mich über

kurz oder lang nicht mehr beherrschen und fange an zu lachen.

Wow! Jetzt weiß ich, was ich tun müsste, um Tausende Follower zu erhalten.

Es ist eigentlich ganz einfach; alles, was nötig ist, sind niedliche Tierfotos, Filmchen mit tapsigen Welpen, Kalendersprüche und abgeschriebene Weisheiten aus einem Psycho-Ratgeber für ein erfülltes Leben. Wenn ich dann auch noch eine junge hübsche Visage in die Kamera halte,

kann nichts mehr schiefgehen, nicht wahr?

Ich stelle mir vor, ein „Reel“ aufzunehmen, in dem ich mit meinem nicht mehr ganz so jungen Gesicht in die Kamera glotze, ein niedliches Plüschtier im Arm halte und meinen „Followern“ Plattitüden wie „Die Erde ist rund“ oder „Am Morgen geht die Sonne auf und Abend geht sie unter“ entgegenflöte. Die Vorstellung treibt mir Lachtränen in die Augen.

Was da so auf Insta los ist, ist manchmal wirklich schräg. Und schräg habe ich es ja ganz

gerne, dennoch …

Liebe (potenzielle) Follower: folgt mir nicht, wenn Ihr nicht über den gleichen abwegigen Humor verfügt wie ich. Und was „Reels“ betrifft, die gibt´s bei mir natürlich auch.

Schaut mal rein. Und keine Angst, ich beiße nicht … jedenfalls nicht immer 😜                     

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Tage wie dieser

Tage wie dieser

In den Öffis hatte ich heute wieder einmal - teilweise ungewollten - Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen: teilnahmslosen, neugierigen, freundlichen, ignoranten, besserwisserischen, unfähigen, fassungslosen …

Seit Wochen wird bei der Bahn wieder einmal gebaut.

Das bedeutet SEV - Schienenersatzverkehr. Ein zusätzliches Hindernis zu der ohnehin schon risikobehafteten Beförderungsart S-Bahn.

Für den Weg, für den ich normalerweise eine Stunde benötige, muss ich jetzt fast eine weitere Stunde zusätzlich einplanen. Da ich meine Zeit aber nicht damit verplempern möchte, aus dem Fester oder in die meistens verkniffenen Gesichter meiner Mitreisenden zu gucken, nehme ich meine Brille ab und alles außer meinem Strickzeug verschwimmt in freundlicher Unkenntlichkeit. Freundlich spricht mich auch die Frau an, die mir gegenübersitzt. Es sei ihr ein Bedürfnis, mir mitzuteilen, wie entspannend es auf sie wirken würde, mir zuzuschauen und wie beneidenswert sie es findet, dass ich stricken kann.

Ich überreiche ihr meine Visitenkarte. An der nächsten Station steige ich um und wir wünschen uns gegenseitig noch einen schönen Tag.

Mein Anschlusszug lässt auf sich warten und schon spricht mich die nächste Frau an, die mir Statistiken um die Ohren haut und mich scheinbar zu ihrer Weltanschauung bekehren will.

                                                   Ich sage ihr, sie solle mir mit ihrem Gequatsche nicht

                                                   auf die Nerven gehen, woraufhin sie sich einigen

                                                   Jugendlichen in der Nähe zuwendet und über die

                                                   Ungefährlichkeit von Corona schwadroniert.

                                                              Als ich endlich beim SEV angelangt bin,

                                                              wundere ich mich, weshalb so viele Leute

                                                              um den Bus herumstehen. Der Fahrer will

                                                              offenbar seine Ruhe haben und hält die Türen

                                                              geschlossen. Erst kurz vor der Abfahrt lässt er

                                                              uns einsteigen.

                                                              Als er losfährt, möchte ich am liebsten sofort

                                                              wieder aussteigen. Sein Fahrstil wirkt auf mich,

                                                              als würde er ständig Brems- und Gaspedal verwechseln. Die Fahrt entwickelt sich zu einer stricktechnischen Herausforderung und ich gerate in Versuchung, ihn zu fragen, ob er seine Passagiere mit Absicht so durchschüttelt oder ob er seinen Führerschein billig ersteigert hat.

Endlich an meinem Ziel angekommen, treffen sich die Blicke eines weiteren Fahrgastes und meiner. Er sieht aus, als wolle er etwas sagen, sich aber nicht trauen. Also sage ich: „Der war

ja wirklich ohne Worte.“ Der Mann nickt. „Ja, antwortet er, „ohne Worte“.

Ich bin schon neugierig auf das, was mir morgen in den Öffis begegnen wird.

Es heißt ja: Reisen bildet. Na dann auf in die nächste Runde.

                                                                      lIllustration unter Verwendung einer Grafik von Josy_Dom_Alexis/Pixabay

Darstellungsprobleme?

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